IM SCHATTEN DER KUH

„IM SCHATTEN DER KUH“ ist eine Familie von Erzählungen und Gedöns;  entstanden zwischen Hannover, Kapstadt und Valencia

VENEZIA

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INHALT
Auf „imSchatten1“ klicken für:
1. Der Kronleuchter des Kraulens
2. Schuh Einkaufstherapie

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Auf „imSchatten2“ klicken für:
3. Terminwut
4. Siegfried
5. Sir Hopkins
6. Es lebe die Tradition

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7. Geburtstagsüberraschung

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GEBURTSTAGSÜBERRASCHUNG

Obwohl sie heute Geburtstag feiern soll, beabsichtigt Isolde, auch in diesem Jahr heimlich an DEM Tag vorbeizuschleichen. Sie akzeptiert das Älterwerden, ja, schätzt es sogar Erfahrungen zu sammeln. Die Nebenwirkungen, wie u.a. Falten-Sammeln und Vergesslichkeitsmomente, haben nur ihr Humor weiterentwickelt.

In ihrem Wesen steckt aber eine Halb-Allergie allem gegenüber was zu überschwenglich- peinliche Feierlichkeiten führen könnte. Es reicht ihr schon, jedes Jahr von Februar bis April von Osterhäschen, anschließend vom Muttertagkaufrausch und von September bis Dezember von aufdringlich-fröhliche Weihnachtsartikel überfallen zu werden.

Sie hat sich fest vorgenommen, am heutigen Tag die Nägel zu lackieren und sich zu verausgaben in der Meditation über Sauerstoff und die Farbe weiß.

ES SOLL ABER ANDERS KOMMEN.

Bei Morgendämmerung ihres Geburtstags beugt der Alb Woterich sich nämlich über die schlafende Isolde und befiehlt mild-gebieterisch:
„Jetzt aber sofort aufstehen und mit uns kommen.“
Leicht verwirrt erblickt Isolde auch noch 3 Leintöchter (D*) in ihrem Schlafzimmer. Da ihr langes farngrünes Haar bei jeder Bewegung noch Wasser und Algen versprüht, kann man annehmen daß sie ziemlich unlängst noch im Leine* herumgetobt haben.

Isolde ist aber nie leicht aus der Fassung zu bringen und fragt höflich: „Wozu soll das gut sein?“

Die ungeladene Gäste kichern listig-verschwörerisch. Woterich ignoriert einfach die Frage und stellt seine 3 Gefährtinnen vor: „Wir werden heute von Grellrunde die Gefräßige, Rollmunde die Ratscherin und Flokati die Verwirrte begleitet.

Allmählich wird es Isolde doch ungemütlich, in ihrer eigenen Wohnung belästigt zu werden…und dann noch vier solche sonderbare Gestalten die sie nicht mal im Traum zu sich eingeladen hätte. Dank ihres Neugiers und um Bedenkzeit zu gewinnen sagt sie: “Geht schon mal Tee vorbereiten während ich mich für den Ausflug vorbereite“; denn sie ist eine Frau die weißt mit Überraschungen umzugehen…. WENN ES DANN SEIN Muß!

Grellrunde, die Gefräßige, hat leider nicht so eine feine Kinderstube genossen und fragt prompt: „Gib’s auch was zu naschen?“ Die geduldige Gastgeberin erklärt wo was in der Küche zu finden sei und siehe erleichtert zu wie die halb-sabbernde Grellrunde schleunigst die gesamte Mannschaft zur Küche scheucht.

Zwanzig Minuten später hat Isolde geduscht, sich beweglich-elegant gekleidet und sich (wasserdicht) minimalistisch geschminkt. Bevor sie noch ihr Lieblingsparfüm auftragen kann, führt einen wellenähnlichen Flutsch-Knall(D*) sie beunruhigt-flott in die Küche.

Zum erstenmal in ihrem Leben ist sie fassungslos. Ihre Küche, die sie noch am Vorabend zum PICO BELLO-Zustand gepflegt hat, sieht aus wie ein Fussballstadion nach einem

Heimspiel…Geschirr, Käse, Brotbrocken, die leinene Servietten….alles in herber Unordnung! Beim Ausholen um die wilde Meute zusammenzuschreien bis in die FÜNFTE GENERATION merkt sie erst daß eine Wand der Küche offensichtlich verschwunden ist. Statt eine Wand starrt sie nun auf einer herumtreibenden, wiegenden Wolkenschwarm.

*LEINE: ein Fluß in Niedersachsen, Deutschland

Sie hört noch daß der Alb sagt „‘S kann losgehen“, bevor sie von Grellrunde fest am Handgelenk gepackt wird und sich mitten im unmöglichen Wolkenschwarm befindet. Erst auf einem feurigen Ledersessel sitzend, weißt Isolde daß dies keinen Traum oder eine blöde Einbildung wegen Überstunden bei der Sauerstoffmeditation sein kann, denn Grellrunde reicht ihr eine Scheibe von ihrem Lieblingsbrot (am Vortag von der Gastgeberin selber gebacken), noch warm vom Toaster und deftig mit Honig beträufelt.

„Ja, ich muß dir nur klarmachen daß du ein Extremtalent in der Küche bist und zudem sehr weise in deiner Wahl von Freunden. Alles klar?“
Grellrunde, die ihr Leben beendet hat weil sie ihr Haar unbedingt färben mußte am Tag einer Dauerwellenbehandlung, schnupperte mit ihrer beachtlichen Nase am Käsebrötchen in der linken Hand und mußte sich anstrengen, nicht genüßlich reinzubeissen.

„Sag mir nicht daß du die ganze Vorführung à-la-Dickens verlangst –OI VEY! Dann müssen wir nämlich in der Vergangenheit all deine kulinarische und freundschaftliche Erfolge abklappern gehen und ich habe eher Lust aufs Weiter-essen.“

Isolde ist sofort damit einverstanden: sie ist nicht gerade süchtig nach hingestreckten Märchenstündchen. .
Da sie schon ihre geplante Meditation über die Farbe Weiß eingeleitet hat (eigentlich fing sie schon damit an während Grellrunde quatschte), merkt sie nicht daß Grellrunde durch Rollmunde, der feurige Ledersessel durch einen Thron und die Scheibe Brot durch ein Glas Champagner ersetzt wird.

Rollmunde die Ratscherin beweist bald wie sie ihren Ruf erhalten hat.
„Na, schau mal, so bezaubernd kann man an seinem Geburtstag aussehen!“
Die Leintochter, die ihr menschliches Leben im Leine beendet hat wegen Glatzifizierung (D*) im Versuch ihre eigene schwarze Haarfarbe durch platinblond zu ersetzen, schüttelt ihre üppige farngrüne Haarpracht. Selbstmord und das anschließende Zum-Leintochter-Werden hat halt auch seine Vorteile, und labert weiter….
„Wie eine liebe kleine Prinzessin sitzt die holde Isolde auf ihrem Thron und kann bestimmt kaum auf die nächste Überraschung warten: die wird dich bestimmt umhauen, genau wie damals als ich vor versammelter Verwandtschaft die GANZE Schweigeminute eingehalten habe für den lieben Onkel Willie, der sich ja ins Grab gesoffen hat, wie wir alle erwartet haben schon seit er sein Abi gemacht hat mit so schlechten Noten daß er DOCH nicht auf die Uni gehen konnte…“

Da diese Ansprache Isolde nicht interessiert, unterbricht sie: „Geht das mir was an? Die Kurzfassung, bitte!“

„Na, eigentlich muß ich dir nur deine tolle Karriere vor Augen führen. Dann auch die feine Garderobe und alle Tiere, die deine treue Wegbegleiter waren. Du willst bestimmt jeden Erfolg, jedes Kleidungsstück und jedes Tier ausführlich in Erinnerung rufen, wo ich selbst zu Lebzeiten bekannt war als Tierliebhaberin und dir so viele TOLLE Geschichten erzählen könnte…“

„Danke, ich verzichte!“

Schon wird Rollmunde durch Flokati, der Thron durch ein rosafarbenes, flauschiges Kissen und das Glas Champagner durch eine Tüte Gummibärchen ersetzt.

Flokati die Verwirrte hatte schon als Mensch nicht alle Tassen im Schrank, besser gesagt: sie konnte nicht mal den Schrank finden wo die Tassen hätten sein sollen. Die Verwandlung in Leinetochter (ausgelöst durch eine mißlungene, besonders grelle rentner-blaue Haarfärbung) hat diesen Zustand eher gedeihen lassen.

Da Isolde schon immer ein Herz für herumirrende Streuner hatte, versucht sie der kleinen Verwirrten wenigstens diesmal Richtung im Leben zu verschaffen.
„Du willst mir bestimmt auch was erzählen…..“ bietet sie langsam genug zum Mitschreiben an. Das war zuviel für Flokati. Mit einem herzzerreißenden Leidenseufzer sinkt zu zum wolkigen Boden.

„Oh, du Gnädige! Du hast mir schon meine Aufgabe für heute vorweggenommen!“ Damit versuchte sie Isolde die Füßen zu küssen. Ihre Füße schützend fragt die allmählich genervte Isolde hübsch langsam: „Kannst du mir das bitte genauer erklären?“

„Spricht meine Eifersucht nicht für mich?“ fragt Flokati im einzig klaren Moment ihres Lebens. „Ich müßte dir heute bewußt machen was für ein Segen dein klar-denkender Kopf ist. Wenn ich als Mensch die Fähigkeit gehabt hätte, solche logische, realistische Gedanken wie du zu formulieren und gezielt durchzuführen, wäre zum Beispiel das mit meinem Haar nie passiert.“ Schon ist der klare Moment der Flokati abgelaufen und sie irrt weiter auf die Gedankenschmetterlingen(D*)- Jagd.

Sobald es Isolde klar wird daß ihr im Leben wirklich NICHTS fehlt, befindet sie sich plötzlich wieder in ihrer Küche. Hier hat eine positive Verwandlung stattgefunden. Der Alb Woterich steht da in voller Putzausrüstung in einer Küche die auch die penibelste Mutter als FEIN bezeichnet hätte……bis auf den Küchentisch. Da merkt man zwei beachtliche Ausbeulungen unter dem Tischtuch.

Woterich läßt nicht auf sich warten.
„Ich habe die Leinetöchter schon mal nach Hause geschickt. Die sind sowieso selten tüchtig bei der Arbeit, müssen sich ständig übers HAAR unterhalten!“
Grinsend streift er sich die Putzhandschuhe ab.
„Jetzt kommen wir aber ENDLICH zu deinem Geschenk. Du weißt jetzt wie schwer es ist, dir was zu schenken! Ich habe aber etwas entdeckt das du noch nicht hast und DRINGEND brauchst !“

Er klappt eine Hälfte der Tischdecke zurück und Isolde sieht mit Entsetzen, daß ein Laptop von guter Familie dreist zum Vorschein gekommen ist. Noch bevor sie ihre Wut über die Besudelung ihrer computerfreien Wohnung dem Woterich tüchtig an den Stirn schmettern kann, beruhigt er sie mit einem väterlichen Kopfschütteln.

„Damit dein neues Spielzeug dir keine Mühe bereitet, bekommst du das erste TAMAHUNDI das einer Privatperson gehören darf. Es wurde schon längst in Alaska entwickelt aber wegen internationaler Einspruch von Psychiater dürfte ich das fabelhafte Gerät noch nie zuvor an die Öffentlichkeit bringen.“ Jetzt klappt Woterich die zweite Hälfte der Tischdecke zurück.

Das Tamahundi sitzt vergnügt-brummend in seinem Käfig: ein goldenes, spaniel-ähnliches Wesen, das bald von der gesamten Menschheit als bester Freund akzeptiert werden wird.

„Isolde, dein Tamahundi wird für dich dein Laptop einrichten und bedienen, wann immer du willst. Auf die Bedienungsanleitung können wir ab dieses Modell auch verzichten. Er kann nämlich alle verbale Fragen und Befehle selbst ausführen.“ Woterich kichert stolz, „Natürlich nur im Computerbereich – er kann noch nicht putzen! Du könntest es aber befehlen dir einen Putzfrau zu organisieren. Er ist nämlich ausgestattet mit den 43 meistbenützen Sprachen und kann auf deinem Befehl Weitere dazulernen. Was aussieht wie 4 niedliche Pfötchen, sind eigentlich spezialisierte Utensilien für Computer-Nützung und –Reparatur. Besonders stolz bin ich auf dem wuscheligen Schwanz der dir Bildschirm und Tastatur putzen könnte.“

Woterich befreit das Tamahundi aus seinem Käfig und liegt es Isolde in die Hände. Bei den Riesenaugen und samtigem Pelz des „Spielzeuges“ vergißt sie plötzlich ihr Computerekel. Weil das Tierchen auch noch vergnügt grunzt und dabei langsam mit den Wimpern klimpert, muß sie zugeben daß ihr schon mal schlimmeres im Leben passiert ist, als ein Laptop mit passendem Tamahundi geschenkt zu bekommen.

Woterich räuspert leise um den Moment nicht allzusehr zu Stören.
„Nur noch drei Hinweise bevor ich euch im seligen Glück allein lasse: Erstens ist das Tamahundi jetzt auf Dich, Isolde programmiert und darf nicht von Fremden berührt werden. Zweitens muß er bei Nicht-Nützung IMMER in seinem abgedeckten Käfig eingesperrt sein. Drittens muß sein Akku an jedem 1. des Monats geladen werden. Hier sein Ladekabel, alles weitere erklärt das Tamahundi selber.“

Ohne die leiseste Vorwarnung ist Woterich verschwunden.

Heute wird bei Isolde zu Hause KEINE Nägel lackiert und KEINE weitere Meditation durchgeführt.
Und wenn Isolde die drei Regel der Tamahundi-Haltung einhaltet, werden die Beide sich einer langen, glücklichen, unternehmungslustigen Zukunft erfreuen.

* ANSI-DUDEN

Flutsch-Knall: ein jähes, unerwartetes Geräusch mit feuchten Nebeneffekten; z.B. wie bei einer riesigen Wasserbombe.

Glatzifizierung: Das Herbeiführen einer Glatze. 1)Kann durch Eingriff mit dem Rasierapparat selber / professionell ausgeführt werden, 2)Genetisch-bedingter Haarschwund, 3)Haarverlust nach extreme Behandlungen, wie z.B. Chemotherapie oder Färben

Gedankenschmetterlingen: Gedanken, die ohne viel Substanz ihr kurzes Dasein farbig-flatternd gestalten.

Leintöchter: Weibliche Wesen, die im Fluß Leine zu finden sind. Die Sage lehrt uns daß Leintöchter Frauen sind, deren Haar so schlecht gefärbt wurde, daß sie sich aus Verzweiflung im Leine ertranken. Durch ihre arge Haarnot werden sie unsterblich und bekommen als Trost eine farngrüne Haarpracht.